Die Zukunft ist nicht mehr, was sie mal war

FUTURE.

Trendforscher ist ein lustiger Beruf: Es gibt nur wenige Leute, die weniger dafür geradestehen müssen, was sie einst gesagt haben. Denn ist der Tag erst mal da, über den ein Trendforscher sich vor zehn Jahren Gedanken gemacht hat, erinnert sich keiner mehr an seine Prognosen.
Das betrifft auch unsere Ernährung – ein emotionales Thema, über dessen Zukunft besonders die Marketingmenschen aus der Lebensmittelindustrie gerne viel besser Bescheid wüssten. Aber Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Vor 10 Jahren galten beispielsweise Insekten als der grosse Trend, während Fleisch als eine Speise der Vergangenheit markiert wurde. So zu lesen in Det Müllers Lohas-Blog von 2011: «Fest steht, dass schon 2030 Fleisch unbezahlbar wird.» Und: «Junge Leute sollten sich schon mal an die neuen Rezepte der baldigen Zukunft gewöhnen: Zophobas in Kokosmilch oder Heuschrecken mit Ananas.» Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass die Insektengeschichte nicht als Erfolg gewertet werden kann. Es ist in der Breite längst bekannt, dass für den Proteinanteil unserer Ernährung Leguminosen (Hülsenfrüchte) easy ausreichen. Auch ein völliger Fleischverzicht dürfte sich in den kommenden Jahren nicht durchsetzen, selbst wenn das Produkt selbst (zu recht) immer teurer wird. Wir wissen heute einfach, dass uns pro Woche vielleicht ein, zwei Mal ein gutes Stück Fleisch zusteht (oder täglich ein Happen). Und immer mehr Leute richten sich danach.

Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie begann der Fleischverbrauch in grossen Teilen der reichen Welt (ausser China) zu sinken. Jeden Tag Wurst und Fleischprodukte zu konsumieren, ist heute nur noch in bestimmten Schichten akzeptiert und dürfte in den kommenden Jahren zusehends verpönt werden; aber die Fleischwirtschaft wird sich halten können. Halt einfach, weil wir Gewohnheitstiere sind. Falls diese Prognose nicht eintreten sollte: Desto besser! Eine Welt ohne Fleischwirtschaft ist mit Sicherheit eine gerechtere und schönere Welt; aber wir müssen auch daran denken, dass sie Arbeitsplätze in grosser Zahl gewährleistet, die anderswo ersetzt werden müssen, wenn diese bessere Welt Wirklichkeit werden soll.
Was den täglichen Happen Fleisch angeht, haben sich übrigens andere Prognostiker bereits Gedanken im Hinblick auf 2050 gemacht: 14 Gramm gemischtes Hackfleisch pro Tag stünde uns auf der dannzumaligen Zehn-Milliarden-Welt theoretisch zu, wenn wir uns halbwegs klimaneutral ernähren möchten, so die Studie der EAT-Lancet-Kommission – hier geht’s zu den übrigen Mengen an Lebensmitteln, die uns sonst noch zustehen.
Die Empfehlung der Kommission:
Fleisch- und Zuckerkonsum halbieren; Obst, Gemüse und Nüsse verdoppeln. Bier und Getreidedestillate: No go, die nehmen in unanständigem Mass Anbauflächen weg für Kalorien, welche eigentlich als Brot ihren Weg auf den Tisch finden sollten.