INTERVIEW mit Angela Ljiljanic

Interview

NOV

20

2020

1. Du bist Autorin des Buches "Stadtwirte", stammst aus Montenegro und lebst in Rijeka - einer Hafenstadt in Kroatien und dem ostwestfälischen Bielefeld in Norddeutschland. Siehst du kulturelle Unterschiede in der Stadtentwicklung deiner beiden Wohnstätten? Was machen diese aus?
Rijeka hat ein recht energisches und vielseitiges Wesen. Markantes Barockgebäude nebst Plattenbau mit Blick auf Jugendstil-Markthallen aus dem 19. Jahrhundert? In Rijeka kein seltenes Phänomen! Allein im 20. Jahrhundert gehörte die Hafenstadt 7 verschiedenen Staaten an und das lässt sich auch an der Architektur und ethnischen sowie sozialen Heterogenität der Stadtbevölkerung ablesen. Rijekas kulturelle Identität hat keinen fixen Charakter, eher einen diskursiven, wohingegen der Puls der Stadtentwicklung in Bielefeld massgeblich von den zentralen Grössen des deutschen Mittelstandes geprägt worden ist. Darunter Traditionsunternehmen, wie z.B. Seidensticker, Dr. Oetker und Miele, die die letzten Jahrzehnte ohne grössere soziokulturelle Umbrüche geflissentlich ihrer Arbeit nachgehen konnten. Beständigkeit und Kontinuität haben sich dadurch als alltagsbestimmende Kräfte für die doch recht gediegene Stadt am Teutoburgerwald ergeben. Während Bielefeld sich nun in einer Supervision befindet, die zwischen traditionellen Institutionen und modernen Zeiten nach einladenden Standort - Kombinationen für eine junge, digitale Startup-Szene sucht, trägt Rijeka mitten in einer Pandemie den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2020 und muss nun zusehen, wie sie sich in dieser epochalen Ausnahmesituation der kulturellen, aber auch infrastrukturellen Grossraumaufforstung widmen kann, ohne das langfristige Entwicklungsvorhaben für das einst grösste Seefahrtzentrum des Landes verloren gehen. Das ist ein gigantischer Balanceakt auf allen Ebenen, um den es aber ab sofort in jeder zukünftigen Stadtgesellschaft gehen wird: Die resiliente Stadt, die in Echtzeit mit sozialen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen in flagranti umgeht. Ich bin mir sicher, Rijeka wird auch diesen Stresstest bestehen. Manchmal hebt die unerwartete Flut die kleinen Boote schneller als die schweren Kräne. Für die Zukunft der Städte wünsche ich mir aber einen anderen Teilchenbeschleuniger und Dynamo. Corona ist ein Probealarm für die Nachhaltigkeitsbereitschaft der globalen Systeme, in dem viele darauf warten, dass irgendwo aus dem Off eine Stimme ertönt und sagt: "Achtung, Achtung, das war nur eine Übung"...! Denn Satz, sollte jeder von uns erstmal für sich alleine vervollständigen.

2. Welcher Stadt auf der Welt schenkst du deinen Applaus - wer ist auf dem richtigen Weg?
Ich weiss, auf dem Catwalk der Stadtentwicklung gibt es ein paar wirklich attraktive Supermodels, dazu zählen natürlich die Dänen; Kopenhagen mit Stadtplaner-Legende Jan Gehl, Rotterdam mit ihrer ernstgemeinten nachhaltigen Stadtentwicklung oder Singapur, der selbsternannte Garten Eden. Meine Wahrnehmung von richtigen Wegen in der Stadtentwicklung ist eher dezentral. Mein Applaus ist simultaner Natur und er gilt vielen verschiedenen Menschen, Projekten und Gegenden. Mich interessieren insbesondere die Kausalitäten. Dänemark z.B. wird in seiner Aussenwahrnehmung mit Glück überschüttet, doch was ist dann der Grund dafür, dass laut OECD Statistik überdurchschnittlich viele Jugendliche Antidepressiva zur Stimmungsaufhellung einnehmen? Ein japanischer Arzt würde vielleicht eher Waldbaden empfehlen. Mein Applaus wäre ihm sicher. Gleich gefolgt von einer neuen Flächenkategorie: Urbane Wälder! Erste Experimente in Halle, Leipzig und Berlin zeigen, dass diese nachhaltige Raumtypologie ausreichend Versickerungsmöglichkeiten bei Starkregen schafft und überhitzten Wohnquartieren hilft, cool zu bleiben. Auch hier darf es Beifall regnen. Kigali, gilt als die sauberste Stadt Afrikas, denn Ruanda steht an der Spitze der Bemühungen für ein plastikfreies Leben. Ach, am besten gleich das Buch Stadtwirte lesen, da sind viele meiner Highlights der Stadtentwicklung vertreten. Doch um nachhaltige Städte in ihrem Bestreben um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mensch und Natur wirklich einschätzen zu können, müsste ich noch mit den sogenannten unkontaktierten Völkern dieser Erde reden. Denn intelligente Städte, gehen aus intelligenten Gemeinschaften hervor. Und die haben sich ja ursprünglich über die Konnektivität von ökologischen und sozialen Prozessen jenseits der Städte herausgebildet. Wir brauchen ihren Ansatz von Kraftorten für die lebenswerten Aspekte in unseren Städten.

3. Worin siehst du deine Lebensaufgabe?
Ich habe eine Eisbrecher – Mentalität, so wie das Expeditionsschiff Polarstern, das durch die Arktis driftet. Wenn ich will, gibt es für mich keinen unerreichbaren Menschen und keine unerreichbare Gegend. Der Wille dazu, dieses Eis zu brechen und in unbekannte Gefilde vorzustossen, ist mir irgendwie gottgegeben. Da wo es allem Anschein noch kein Durchkommen gibt, mache ich einen Durchbruch. Und wenn die tragende Wand fehlt, kann ich auch die hochzuziehen - je nachdem, was sie so brauchen, die Projekte des Lebens. Die Playlist meiner Lebensaufgabe ist ein Crossover zwischen Hoffnungsträger, Erwecker, Wegbereiter und Schönheitsseher. Doch mittlerweile schaue ich mir ganz genau an bei welcher Expedition ich mit an Bord gehe. Das Leben ist zu wertvoll für falsche Dampfer und Kamikazeflieger.

4. Health: Dein ultimativer Geheimtipp in Sachen Gesundheit?
Zu meinen ultimativen Lebenselixieren gehören definitiv die Effektiven Mikroorganismen: Eine gesunde
Bakteriengesellschaft, deren Anwendungsvielfalt enorm ist und die nicht nur die mikrobielle Diversität in unserem Magen Darm Milieu im Gleichgewicht hält, sondern die überall, wo mikrobielle Prozesse stattfinden, alle Gesamtaktivitäten des Milieus Richtung Regeneration lenkt. Den viralen Umständen begegne ich mit Propolis und Hozzel - Wasser - Spray [(HOCL) Hypochlorige Säure, wird auch von weissen Blutkörperchen als Immunantwort auf Viren produziert / ein haut- und umweltfreundliches Desinfektionsmittel]. Dann sei noch der aus der traditionellen chinesischen Medizin bekannte Ingwer - Süssholzwurzel Tee erwähnt [im Verhältnis zwischen Ingwer und Süssholz ist 1:2]. Diese Kombination hat in China eine aktive Rolle bei der Behandlung von Atemwegserkrankung durch das Coronavirus gespielt. Alle Angaben ohne Gewähr! Fragen sie bitte ihren Arzt und Apotheker!

5. Nehmen wir an, du bist sehr krank und hast die Wahl - wie fällt diese aus?
Langsam gesund werden aufnatürliche Weise oder schnell gesund werden mit Medikamenten.

Diese Entweder - oder - Frage höre ich nicht zum ersten Mal und ich möchte dazu etwas zum Besten geben, was ich schon oft in meinem Bekanntenkreis erlebt habe. Nicht selten stehen Menschen, die eine schwere Krebserkrankung erleben, genau vor dieser Frage. Und wenn sie dann noch eine Familie und Kinder haben, kommen sie genau durch diese polarisierte Bewertung von Heilungsverfahren so unter Druck, dass sich viele Streitigkeiten rund um das beste Heilverfahren entladen. Dann versuchen sie im Alleingang alles mögliche, verschweigen dem Schulmediziner, dass sie zum Naturopathen gehen und umgekehrt - weil auch diese Disziplinen untereinander fighten. Nur die eh schon überforderte Familie weiss Bescheid. Dann macht die Person eine bestimmte Therapie, weil die Familie das so von ihr erwartet, aus Angst und Sorge. Für den Betroffenen eine Crux, wenigstens nach der "richtigen" Therapie sterben zu müssen, damit es den Hinterbliebenen besser geht. Die Medizin des 21. Jahrhunderts sollte eine komplementäre und kooperative sein. Die fehlende Transparenz der Pharmalobby und gewinnorientierte Forschung in der Medizin, sind ein kontroverses Thema. Um eine reelle Entscheidungsgrundlage zu haben, welchen Weg ich gehen würde, müssen die Karten aber alle auf dem Tisch liegen. Dazu kommt, dass sehr viele Menschen hier und heute durch umweltbedingte Stressoren und Umweltgifte hinter unklarer Genese verschwinden. Und dann wird auch mal gerne eine psychische Störung draus, die dann in die Statistiken der Krankenkassen eingehen. Wir brauchen eine andere Daseinsfürsorge als ein Antidepressivum oder die Entweder - oder - Frage. Die existenziellen Basiskomponenten von Gesundheit sind definitiv fruchtbare Böden, sauberes Wasser, Luft, die man auch atmen kann und ein Lebensrhythmus, der mit dem Biorhythmus der Erde in Verbindung steht. Kein Algorithmus wo man mit muss.

6. Future: Was war deine letzte Umweltsünde?
Viele Wege führen nach Zürich. Als ich vor der Wahl stand mit welchem Verkehrsmittel ich zum Soil to Soul Symposium kommen werde war natürlich klar, Zugfahren ist die umweltfreundliche Alternative zum Fliegen. Ich habe mich für den Flieger entschieden. Die Vorstellung 7 Stunden mit einer Maske auf dem Gesicht in einem Zug zu sitzen, hat mich in die Arme einer Fluggesellschaft getrieben. Atemgerechtes Reisen ist eine neue Kategorie, die muss ich für mein zukünftiges Reiseverhalten erstmal richtig durchspielen. Es gibt aber auch eine umweltfreundliche Mitteilung zu verkünden: Meine Familie und ich werden ein verwildertes Familiengrundstück in den montenegrinischen Bergen revitalisieren und die Praktiken einer naturgemässen Lebensweise wieder in die Mitte unseres Genpools holen. Durch Corona ist die Wertschätzung für dieses unberührte Stück Land in der ganzen Familie gestiegen. Darüber bin ich sehr glücklich.

7. Bitte vervollständige den Satz: Du kannst etwas bewegen, wenn...
du ein Beweger bist. Es muss aber auch Bewegungsmelder geben, die von deiner Bewegung Notiz nehmen und Bewahrer, die dir auf Grundlage ihrer Lebenserfahrung auch mal den Kopf waschen und dich bestärken. Manchmal kannst du mehr bewegen, indem du den Prozess sich selbst überlässt und einfach nur beobachtest, was es braucht, damit es am Ende noch besser wird, als du gedacht hast. Ich glaube, ein Käsemacher, Bierbrauer oder Winzer weiss genau, um welche Prozesshaftigkeit es sich hier dreht. Die Frage geht auf eine Art einher mit der Frage nach der produktiven Tätigkeit, doch was genau unterscheidet sie von der Unproduktiven? Vor Gott sind sie gleich, vor dem Bruttoinlandsprodukt aber nicht. Mich im Takt der Finanzmärkte zu bewegen, macht aus meinen Bewegungen schnell mal die Wiederholung eines Schemas. Der monetäre Breakdance der Finanzmärkte freut sich über Enthusiasten, die sich ihrer Kollateralschaden annehmen. Lass dich nicht instrumentalisieren, und mach schlaue Moves, finde heraus welcher Beteiligungstyp du bist und wenn du dich dann umschaust, wird sich die Bewegung von selbst ergeben. Das fängt dann da an, wo du bemerkst, dass deiner in die Jahre gekommenen Nachbarin die Kraft für die eigene Einkaufstasche fehlt, die du ihr dann mit dem süssesten Lächeln, das du drauf hast, abnimmst. Der Gott der kleinen Dinge ist die beste Bewegungslehre!

8. Food: Deine Lieblingsspeise?
Hätte man mir diese Frage mit 5 Jahren gestellt, wäre die Antwort eindeutig gewesen: Pommes! Mittlerweile hat so eine Lieblingsspeise dann doch mehrere Ebenen angenommen. Ich habe definitiv ein sentimentales Verhältnis zu Maispolenta mit frischen Brennnesseln und selbstgemachtem Blätterteig mit geriebener Apfelfüllung. Das hat aber eher etwas mit den Handgriffen zu tun, die ich als Kind bei den Frauen in meiner Familie gesehen habe. So ein handgemachter Blätterteig, den man andächtig und hauchdünn über ganzen Tisch ziehen muss, ohne dass er Löcher bekommt, grenzt an ein Wunder. Und dieses Wunder steckt als Lieblingsspeise verschlüsselt in meinen Genen.

9. Dieses Gericht sollte man auf allen Speisekarten verbannen und zwar weil:
Während 822 Millionen Menschen auf der Welt hungern, möchte ich mich im Moment lieber über die 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel unterhalten, die jährlich weggeschmissen werden. In diesem Zusammenhang kommt mir auch gleich der Fischfang in den Sinn. Wir müssen die Fischbestände den Ländern und Menschen überlassen, deren Einkommensquelle und Grundnahrungsmittel existenziell mit dem Fischfang zusammenhängen. Greenpeace bringt jedes Jahr einen aktuellen Fischratgeber raus, der die Daten zur Überfischung der Meere differenziert darlegt und einem mitteilt, welchen Fisch man Essen kann, ohne das die Welt gleich Kopp steht. Man möchte echt kein Fisch sein heutzutage, denn sie sind die Reinigungskräfte unserer Meere. Nicht selten sind Mikroplastik und Quecksilber bei einem Fischverzehr auch mit dabei.

10. Diese Frage sollte endlich jemand in einem Interview stellen:
Liebe Angela, was wünscht du dir zu Weihnachten?
Ich wünsche mir in Anbetracht der anstehenden Wintermonate, für die Menschen, die gerade inmitten einer Pandemie auf der Flucht sind, Schutz und Perspektive suchen und entwürdigende Lebensumstände vorgefunden haben, konkrete Hilfe und Lösungen, die angefangen von der Gesundheitsversorgung bis hin zur sofortigen Aufhebung ihrer Rechtlosigkeit, das für sie tut, was sie für sich nicht tun können. Für diese Wunscherfüllung werde ich nach diesem Interview eine Spende an Pro Asyl überweisen und an Ärzte ohne Grenzen, damit mir der Wunsch im Rahmen meiner derzeitigen Möglichkeiten nicht verwehrt bleibt.

Pro Asyl: Bank für Sozialwirtschaft IBAN: DE70 3702 0500 5050 5050 50 / BIC: BFSWDE33XXX

Ärzte ohne Grenzen e.V.: Bank für Sozialwirtschaft / IBAN: DE72 3702 0500 0009 7097 00

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