Interview mit Christine Brombach

Interview

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1. Hat sich das Essverhalten der SchweizerInnen in den letzten Jahren grundlegend geändert?
Was essen wir anders, wie früher?

Es haben sich gerade in den letzten 30 bis 40 Jahre viele Aspekte im Bereich des Essverhaltens verändert. Nicht nur die Fragen «was» sondern auch «wie» und «wo» gegessen wird sollte dabei berücksichtig werden:
Zum «was wird gegessen»: Das Nahrungsangebot hat sich enorm vergrössert, vor allem im Bereich der Frische-Convenience-Produkte und «to-go-Produkte». Überall sind Lebensmittel erhältlich, überall kann gegessen und getrunken werden, und das 24 Stunden an 365 Tagen. Das ist unglaublich. Und natürlich ist das angenehm, bequem und auch eine Errungenschaft. Doch es stellen sich auch leise Zweifel ein, ob das zuträglich ist, ob wir uns damit wirklich einen Gefallen tun, ökologisch, kulturell und auch aus gesundheitlicher Perspektive, jederzeit, überall und preiswert Lebensmittel zu konsumieren. Wir sind vor allem im städtischen Umfeld umgeben von verführerischen Angeboten des take-aways, des steten Angebots, Essen zu konsumieren. Ich muss meistens «nein» sagen und mich dafür entscheiden, mich nicht zum Essen verführen zu lassen, denn die ständig essenden Menschen um mich herum, die vielen feinen Angebote sind ja darauf angelegt, meinen Appetit zu schüren. Und so essen wir dann auch häufig unterwegs, ohne dass wir eigentlich wirklich hungrig sind. Das Essen ist leicht verfügbar und auch vergleichsweise preiswert

«Wo wird gegessen»:
Jeder Schweizer, jede Schweizerin verzehrt im Schnitt eine Mahlzeit ausser Haus: in der Schule, Betriebskantine, Mensa, aus der Hand. Das hat zur Voraussetzung, dass wir auf das Angebot dieser Verpflegung angewiesen sind und damit auch nicht immer direkt beeinflussen können, was wir da genau essen. Meistens wissen wir auch nicht, woher diese Lebensmittel kommen, wie sie zubereitet und verarbeitet wurden. Wenn ich selbst koche, so kann ich die Produkte, die ich zuvor eingekauft habe, in der Zusammenstellung und Zubereitung unmittelbar selbst beeinflussen. Natürlich hat das gesellschaftliche Gründe, dass wir vermehrt ausser Haus essen. Und genauso können damit auch Ansätze gefunden werden, dass die Ausser-Haus-Angebote entsprechend ökologisch, gesund und geschmacklich ansprechend gestaltet werden können. Es gibt viele gute Beispiele wo Schulverpflegung oder auch Betriebskantinen biologisch wertvolles, geschmacklich hochstehendes Essen anbieten.

«Wie wird gegessen»
Auch hierbei haben sich viele Aspekte verändert, beispielsweise, dass wir sehr viel häufiger unterwegs essen: im Öffentlichen Nahverkehr, auf der Strasse aus der Hand, in Einkaufszentren. Das bringt einige Veränderungen mit: das Snacking. Also statt einer Hauptmalzeit wird eine Form von vielen kleinen «Zwischenverpflegungen» praktiziert. Dieses Snacking ist häufig kalorisch eher ungünstig, denn meist sind es Speisen, die relativ viel Energie durch hohe Fett- und Zuckergehalte enthalten. Eine Folge dieser eher ungünstigen Form der Ernährung ist die Zunahme von Übergewicht. Nahezu 45% der Schweizerinnen und Schweizer sind übergewichtig oder adipös.

Fast alle Lebensmittel, die wir heute im Detailhandel kaufen, sind überdies verpackt und in irgend einer Form bearbeitet. Neben hohem Aufwand für die Lebensmittelverpackungen und deren Entsorgung sind (hoch)verarbeitete Lebensmittel solche, denen durch den Verarbeitungsprozess bestimmte Inhaltsstoffe fehlen oder die Zutaten enthalten, die sich eher ungünstig auf die Gesundheit auswirken, wie beispielsweise hohe Zucker- und Fettanteile oder denen auch beispielsweise Ballaststoffe fehlen.

2. In deinem Beitrag «Essen wird erlernt – Essen miteinander» erwähnst du, dass essen kulturell geprägt ist. Wie würdest du die Schweizer Esskultur in drei Worten beschreiben?
«Die» eine Schweizer Esskultur gibt es nicht, denn in jedem Landstrich, in jedem Kanton gibt es unterschiedliche klimatische und topografische Gegebenheiten, die die dortige Esskultur mitbestimmen. Also kann ich jetzt nur für den Kanton Zürich sprechen und dort beschreibe ich die Schweizer Esskultur so:
Bodenständig, qualitativ hochwertig, Milchbasiert

3. Wenn du einen Wunsch frei hättest: Was würdest du in der Lebensmittelindustrie ändern?
Ich wünsche mir weniger hochverarbeitete Lebensmittel

4. Health: Dein ultimativer Geheimtipp in Sachen Gesundheit?
Die Hälfte auf meinem Teller sind pflanzliche Lebensmittel, ein Viertel sind stärkehaltige Lebensmittel, ein Viertel sind eiweisshaltige Lebensmittel. Nichts ist verboten aber die Menge ist entscheidend! Es gibt solch eine wunderbare Auswahl an grossartigen Früchten, Gemüsen und in Manufakturen liebevoll hergestellten Lebensmittel aus der Schweiz.
Vielleicht ein kleiner praktischer Tipp:
Bunt ist gesund, also je vielfältiger die Lebensmittel sind, die auf dem Teller sind, desto besser. Und dabei sollten vor allem auch solche Lebensmittel auf den Teller, die so leicht übersehen, aber in ihrem Genuss- und Gesundheitswert besonders wertvoll sind: die Hülsenfrüchte (also Erbsen, Linsen, Bohnen) und die Nüsse und Samen. Die Auswahl an regionalen Produkten ist gross!

5. Nehmen wir an, du bist sehr krank und hast die Wahl - wie fällt diese aus?
Langsam gesund werden auf natürliche Weise oder schnell gesund werden mit Medikamenten.

Schon Paracelsus hat gesagt, die Dosis macht's dass etwas kein Gift sei und Hippokrates, ein anderer berühmter Arzt sagte: „Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.“
Ich würde immer zuerst den Weg über die selbstbestimmte Ernährung gehen und damit versuchen, durch eine besonnene Wahl den nicht zu unterschätzenden Einfluss auf meine Gesundheit wählen!

6. Future: Was war deine letzte Umweltsünde?
Ich wollte mir letzthin etwas Gemüse einkaufen und hatte meine Stofftasche vergessen und musste die dortige Plastiktüte für mein Gemüse nehmen. Da hab ich mich echt über mich geärgert.

7. Bitte vervollständige den Satz: Du kannst etwas bewegen, wenn...
du den ersten Schritt und Bissen tust, denn mit jedem Bissen kann ich ein bisschen die Welt verändern!...

8. Food: Deine Lieblingsspeise?
Ich habe viele Lieblingsgerichte, ich esse Salate in jeder Form ungemein gerne.

9. Dieses Gericht sollte man auf allen Speisekarten verbannen und zwar weil:
Kinderspeisen! Diese bestehen meist aus irgendwelchen Nuggets oder schlimmer noch frittierten Fleischstücken in Sternchen, Bärchen oder Dinoform! Kinder sollten auch die Vielfalt geniessen, und essen lernen, die die Erwachsenen essen. So lernen Kinder frühzeitig vielfältige Lebensmittel kennen und damit die Fülle an verschiedenen Lebensmitteln.

10. Diese Frage sollte endlich jemand in einem Interview stellen :
Was genau tust Du, damit Du einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Ernährungsweise leistest?

Ich beteilige mich daran, Foodwaste zu verringern, ich hole Milch und wenn möglich Mehl beim Erzeuger, backe Brot selbst, habe einen kleinen Garten, in welchem ich Gemüse anbaue und versuche, soweit als möglich alle Speisen von Grund auf selbst herzustellen. Das braucht viel Zeit und Überlegung und bedeutet auch, dass ich mich sehr intensiv mit dem auseinandersetze, was ich esse. Da ich 100% arbeite und drei Kinder zu Hause habe, ist dies manchmal anstrengend, aber immer auch lohnend. Ich weiss, was ich esse, wie ich damit meine Familie genussvoll, ökologisch sinnvoll und auch gesund ernähren kann. Und es ist spannend und herausfordernd, sich immer wieder mit diesen aktuellen Fragen «was esse ich und warum» auseinanderzusetzen.